Es ist gute wissenschaftliche Praxis, bei der Arbeit mit Zitaten stets nach der Primärquelle zu suchen und diese zu zitieren. Häufig genug kommt es allerdings vor, dass in akademischen Texten wörtliche Zitate lediglich aus einer zitierenden Sekundärquelle übernommen werden. So wird nach und nach der ursprüngliche Wortlaut des Primärautors verwässert und immer schwerer zu finden. In extremen Fällen ändert sich darüber sogar die Bedeutung des Zitates. So schrieb auch Machiavelli nie: „Der Zweck heiligt die Mittel“, sondern philosophierte in Il Principe (1532) darüber, dass ein Herrscher zur Sicherung des Staates teils fragwürdige Mittel einsetzen und diese gut abwägen müsse. So wird aus einer differenzierten Überlegung ein kategorischer, fast zynischer Leitsatz.

In diesem Sinne möchte ich an dieser Stelle ein länger verlorenes Zitat von Sigmund Freud auffrischen und wieder zugänglich machen, auch wenn das bekannte Sekundärzitat dem Inhalt grundsätzlich gerecht wird.

Richard A. Isay machte mit seinem Buch Being Homosexual: Gay Men and their Development ein Zitat Sigmund Freuds über dessen Einstellung zum Verständnis der Homosexualität als Erkrankung und Straftat im Englischen bekannt. Er übersetzte das Zitat selbst aus dem Deutschen und vertat sich bei der Quellenangabe um zwei Jahre. Helmut Degner übersetzte Isays Werk ins Deutsche und übernahm dabei das Freud-Zitat und Isays Quellenangabe, statt nach der Primärquelle auf Deutsch zu suchen.

Seither wird im Deutschen der Wortlaut nur nach Isay/Degner, also einer aus dem Englischen übersetzten Sekundärquelle, zitiert und weder im Englischen noch im Deutschen ist der korrekte Kontext des Zitates bekannt. An dieser Stelle halte ich die gesamte Primärquelle und eine Übersetzung zur Verwendung für wissenschaftliche Zwecke fest.

Sekundärquelle

Zunächst einmal ist hier das verbreitete Zitat nach Richard A. Isay auf Deutsch und Englisch.

Deutsches Zitat

Laut der deutschen Übersetzung von Isay (1990, S. 145), stammt dieses Zitat aus der Zeitung Die Zeit, Wien, 27. Oktober 1903, S.5:

Ich bin […] der festen Überzeugung, daß Homosexuelle nicht als kranke Personen behandelt werden sollten […]. Würde uns das sonst nicht zwingen, viele große Denker und Gelehrte als krank zu charakterisieren? Homosexuelle sind nicht krank. Und sie gehören auch nicht vor Gericht.
– Isay/Degner (1990, S. 11)

Isay, R. A. (1990). Schwul sein: Die psychologische Entwicklung des Homosexuellen (H. Degner, Übersetzer). Piper.

Englisches Zitat

I am […] of the firm conviction that homosexuals must not be treated as sick people. […] Wouldn’t that oblige us to characterize as sick many great thinkers and scholars […] whom we admire precisely because of their mental health? Homosexual persons are not sick. They also do not belong in a court of law.
– Isay (1989, p. 3)

Isay, R. A. (1989). Being Homosexual: Gay Men and Their Development. Farrar, Straus and Giroux.

Primärquelle

An dieser Stelle kann die deutschsprachige Originalquelle aus der „Zeit“, sowie die Übersetzung ins Englische eingesehen werden. Es handelt sich um den Auszug aus einem Artikel über einen Kriminalfall. Der Artikel erschien 2 Jahre später als bei Isay behauptet, am 27. Oktober 1905.

Auszug aus dem deutschen Originalartikel: Der Fall Beer

Prof. Dr. Freud, den wir in den Nachmittagsstunden aufsuchten, äußerte sich ungefähr folgendermaßen: Auf die Affäre des Prof. Beer kann ich im besonderen nicht eingehen, weil ich einzig und allein auf die Zeitungsberichte angewiesen bin und ich mir kein Urteil bilden kann, ob die Aussagen der beiden Knaben oder die Verteidigung des Angeklagten richtig sind. Ich verfechte gleich vielen Gelehrten den Standpunkt, daß der Homosexuelle nicht vor das Forum eine Gerichtshofes gehört. Ich bin sogar der festen Überzeugung, daß Homosexuelle nicht als Kranke behandelt werden müssen, denn der pervers Veranlagte ist deshalb noch lange nicht krank. Müßten wir dann nicht viele große Denker und Gelehrte aller Zeiten, von deren perverser Veranlagung wir Bestimmtes wissen und von denen wir gerade ihren gesunden Geist bewundern, als krankhafte Menschen bezeichnen? Homosexuelle Personen sind nicht krankhaft, sie gehören aber auch nicht vor den Gerichtshof! Sowohl bei uns in Österreich als noch in weit größerem Umfang in Deutschland ist eine mächtige Bewegung im Zuge, den Paragraph des Gesetzbuches, der sich gegen die Perversen wendet, zu eliminieren. Der Bewegung haben sich bedeutende Gelehrte angeschlossen, und sie wird immer größere Kreise ziehen, bis sie zu einem endgültigen Erfolg gelangen wird. Anders verhält es sich jedoch in einem Falle wie dem des Prof. Beer, vorausgesetzt daß er schuldig ist. Der Angeklagte hat sich in diesem Falle an Kindern unter 14 Jahren vergriffen, und ein solcher Mensch muß von dem Gerichtshof abgeurteilt werden. Die Verurteilung müßte aus demselben Grund erfolgen, als ob ein Mädchen unter 14 Jahren geschlechtlich mißbraucht worden wäre, und zwar müßte wegen Notzucht, Verführung oder Schändung die Anklage erhoben werden. Eine Verurteilung zweier erwachsener Personen wegen homosexuellen Verkehrs ist zu bedauern; ein Mensch, der Knaben mißbraucht hat, die noch nicht das gesetzliche Alter erreicht haben, soll verurteilt werden. Dies ist meine Meinung, und diese dürfte wohl eine große Anzahl meiner Kollegen teilen.
– Der Fall Beer (1905, S. 5)

Der Fall Beer (1905, 27. Oktober). Die Zeit, Nr. 1110,S. 4-5. https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=zei&datum=19051027&seite=4&zoom=33

Übersetzung des Auszugs aus Der Fall Beer

Prof. Dr. Freud, whom we visited in the afternoon hours, expressed himself roughly as follows: Regarding the affair of Prof. Beer, I cannot go into specifics because I am solely dependent on newspaper reports and cannot form a judgment on whether the statements of the two boys or the defence of the accused are correct. Like many scholars, I advocate the position that the homosexual does not belong before the forum of a court of law. I am even firmly convinced that homosexuals need not be treated as sick people, for the perversely inclined are by no means necessarily sick. Must we then not label many great thinkers and scholars of all times, of whose perverse inclinations we are certain and whose healthy minds we admire, as pathological individuals? Homosexual persons are not pathological, but neither do they belong before a court of law! Both here in Austria and to an even greater extent in Germany, a powerful movement is underway to eliminate the paragraph of the legal code that targets the perverse. Significant scholars have joined this movement, and it will continue to grow until it achieves ultimate success. However, the situation is different in a case like that of Prof. Beer, provided he is guilty. The accused has in this case abused children under 14 years of age, and such a person must be judged by a court of law. The conviction should occur for the same reason as if a girl under 14 years of age had been sexually abused, and indeed, charges of rape, seduction, or defilement must be brought. The conviction of two adult persons for homosexual conduct is deplorable; a person who has abused boys who have not yet reached the legal age should be convicted. This is my opinion, and it is likely shared by a large number of my colleagues.
– Excerpt from the Beer Case (2024/1905)

Excerpt from the Beer Case (F. Bassenge, Trans.) (2024, July 25). Freudian Frames (Original work published 1905, October 27).

Fazit

Zugegeben, der Unterschied zwischen den beiden gekürzten Versionen des Zitates ist marginal, aber dennoch gehen gewisse Feinheiten des ursprünglichen Zitates im direkten Vergleich verloren:

Ich bin […] der festen Überzeugung, daß Homosexuelle nicht als Kranke behandelt werden müssen […]. Müßten wir dann nicht viele große Denker und Gelehrte […] als krankhafte Menschen bezeichnen? Homosexuelle Personen sind nicht krankhaft, sie gehören aber auch nicht vor den Gerichtshof!
– Freud (1905, S. 5)

Ich bin […] der festen Überzeugung, daß Homosexuelle nicht als kranke Personen behandelt werden sollten […]. Würde uns das sonst nicht zwingen, viele große Denker und Gelehrte als krank zu charakterisieren? Homosexuelle sind nicht krank. Und sie gehören auch nicht vor Gericht.
– Isay/Degner (1990, S. 11)

Die größte Unterschied zwischen den Zitaten ist der Gebrauch der Wörter krank und krankhaft . Freud nutzt zuerst den alltagssprachlichen Begriff „Kranke“ und spricht somit die juristisch-gesellschaftliche Ebene an, Homosexuelle sollen nicht wie Patienten betrachtet und verwaltet werden. In der Folge wird er mit „nicht krankhaft“ fachlich präzise und weist die medizinisch-psychiatrische Klassifikation zurück, die Homosexualität als pathologische Erscheinung einstufen wollte.

Auch wenn hier keine eigentliche Missrepräsentation der ursprünglichen Aussage vorliegt, geht doch mit der Sprache der Zeit ein Stück der gedanklichen Genauigkeit Freuds verloren. Um solche Analysen der Denkweisen und Kontexte vergangener Autoren auch künftig leisten zu können und unser intellektuelles Erbe unverfälscht zu verstehen, ist es unerlässlich, Primärquellen zu erhalten und zu nutzen.


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Ein Kommentar

  1. Avatar von Andreas Hamburger
    Andreas Hamburger

    wenn nur immer solche Sorgfalt beim Zitieren walten würde! Der krasseste Fall, den ich gerne meinen Studierenden erzählte, um sie zum sorgfältigen NAchprüfen von Zitaten zu ermutigen, ist der berühmte Spinatmythos: Durch eine verrutschte Kommastelle in einer ernährungswissenschaftlichen Arbeit der 1930er Jahre sei der Eisengahelt von Spinat um das 10fache erhöht angegeben worden – und wegen dieser immer weder ungeprüft abgedruckten Zahl mussten Millionen von Babys Spinat essen… den sie dann gerne und klugerweise wieder ausspucken.

    Se non è vero, è ben trovato. Das habe mal eben nachgeprüft, und – non è vero (es war keine Dezimalstelle, das Eisen im Spinat ist kaum abbaubar, aber Spinat ist trotzdem gesund, wegen Vitamin A). Babies, spit on!

    Sutton, M. How the spinach, Popeye and iron decimal point error myth was finally bust. HealthWatch Newsletter 2016;101:7
    https://irep.ntu.ac.uk/id/eprint/30230/1/7987_Sutton.pdf

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